
- Brian Keene: Totes Meer - Heyne Verlag
Der junge farbige Fabrikarbeiter Lamar hat kein Glück im Leben. Erst verliert er seinen Job in einer Autofabrik und verübt aus Geldnot einen Raubüberfall, bevor seine Stadt Baltimore von einer Zombie-Epidemie überrollt wird.
So etwas passiert vorrangig in den USA, primär in blutrünstigen, spannenden Horrorromanen und -filmen der letzten 40 Jahre. So auch in "Totes Meer", dem Horrorroman des amerikanischen Autoren Brian Keene (*1967). Wie in bekannten Genrevorgängern wird der Alltag zwischen Bürojobs, Gartenpflege und Babygeschrei aus heiterem Himmel von einer Apokalypse heimgesucht.
Untote, Infizierte und Amokläufer überrennen die Stadt Baltimore
Was genau passiert ist, wird nicht richtig klar und spielt auch keine Rolle. Nur soviel, dass eine tödliche, ansteckende Krankheit von Ratten übertragen wird, die nicht nur Menschen durch einen Biss zu rasenden Amokläufern werden lässt, sondern dummerweise auch Tote zum Leben erweckt.
Dass sich die Krankheit nicht nur auf Menschen begrenzt, sondern auch auf größeren Tierarten bis auf Vögel, verwandelt dazu tote oder brave Schoßhündchen und Schmusekatzen in rasende Untiere.
Wie eine biblische Apokalypse aus Mord, Tod, Blut, Gewalt und Überlebenskämpfen bricht das Unheil über Baltimore herein und lässt Lamar und einige weitere Überlebende den Kampf gegen die Zombies überstehen. Dabei geht Autor Keene keineswegs zimperlich vor, sondern bietet dem Leser ein blutrünstiges, schockierendes Bildnis eines Zivilisationsendes, das an Weltuntergangsgemälde wie Otto Dix Kriegsschlachtfeld "Flandern" und Pieter Bruegels Mittelalter-Apokalypse "Der Triumph des Todes" erinnert.
Fluch vor einer Zombie-Invasion auf ein "Totes Meer"
Auf der Flucht verbündet sich Lamar mit zwei elternlosen schwarzen Kindern, dem vorlauten Malik und seiner älteren Schwester Tasha, sowie mit dem weißen Bibelverkäufer und Waffennarr Mitch, dessen üppiges Arsenal an Schusswaffen und Handgranaten dem ungleichen, multikulturellen Quartett hilfreich beim monströsen Bodycount an Untoten ist.
In letzter Minute rettet sich die Gruppe auf ein Schulungsschiff, auf dem sich die letzten Überlebenden der Stadt versammelt haben – ein dreckiges Duzend, bestehend aus Überresten einer Schiffsmannschaft, einem faschistoiden Polizisten, einem Professor, mehreren jungen Leuten und hysterischen Frauen, die die Zombieplage an Land hinter sich lassen und mit unbekanntem Ziel in See stechen.
Bald machen sich Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Missgunst breit, als die improvisierten Schiffsreisenden nach Anlegestellen für Proviant, Munition und Medikamente suchen. Zu spät bemerken die Seeleute wider Willen, dass die blutige Gefahr auch im "Toten Meer" lauert.
Brian Keene und seine apokalyptische Horrorvision
"Dead Sea", so der Originaltitel des 2007 in den USA erschienenen Romans von Brian Keene, setzt auf altbekannte Pfade des apokalyptischen Horrorfilms, des Zombie- und Mutationshorrors und des Katastrophenfilms, die in den 1970er Jahren einen Boom erlebten und seitdem jedes Jahrzehnt neu aufgelegt werden.
Viele Reminiszenzen an diese Ära finden sich in Keenes Roman, darunter George A. Romeros Klassiker des modernen Zombiefilms, "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), der eine Untoten-Epidemie zum Klassiker des neuzeitlichen Low-Budget-Horrors und zu einer Abhandlung über soziale Missstände gestaltete.
Romeros Varianten dieses Themas wie "The Crazies" (1973) und "Dawn of the Dead" (1979) sowie das beliebte Motiv des Backwood-Horrors in Filmen wie Wes Cravens "The Hills Have Eyes" (1977) und Tobe Hoopers "Texas Kettensäger Massaker" (1974), unkonventionelle Low-Budget-Trash-Perlen, folgten und gelten heute nach anfänglicher Ignoranz und Missachtung als Filmklassiker.
"Totes Meer" und die Historie des Zombie-Themas
Alle diese kleinen, düsteren Seventies-Horrorstreifen erlebten in den vergangenen Jahren Hollywood-Remakes, aber auch Neubelebungen des Zombiegenres wie Danny Boyles vorzüglichen High-Speed-Horror "28 Days Later" (2002) samt seiner nicht minder gelungenen Fortsetzungen.
So passt auch die Renaissance dieses phantastischen Literaturgenres ins Bild, ob Scott Siglers "Infiziert", Tony Mochinskis "Eden", die Neuauflagen von Richard Laymons "Der Regen" und "Das Inferno" und eben "Totes Meer". Dass hier die Zombie-Flucht auf den Ozean ausgeweitet wird, erinnert an den Trashstreifen "Das Geisterschiff der reitenden Leichen" (1974), einem Teil der berüchtigten spanischen Horrorfilme um "Die Nacht der reitenden Leichen" aus den frühen 1970er Jahren.
An Bord des Schiffs jedenfalls gönnt Keene seinen Lesern eine kurze Atempause und lässt den ungleichen Charakteren Raum zur Entfaltung. Doch sobald sich die Akteure in Sicherheit wiegen, lauern neue Gefahren, ob auf einem Hafenstützpunkt oder einer abgelegenen Bohrinsel. Keene hält das Spannungs- und Action-Barometer konstant hoch und schafft damit einen über weite Strecken spannenden Roman, der einige Überraschungen bereit hält.
Lamar – ein schwarzer Titelheld wider Willen
Vor allem der Titelheld wieder Willen, Lamar, ist einen Augenmerk wert. Ein schwuler, junger Schwarzer aus den Suburbs, der unfreiwillig in den sozialen Abstieg gerät, sich aber gegen das verbreitete Macho-Posing schwarzer HipHop-Gangs aus seinem Vorort wehrt und lieber für sich alleine bleibt.
Ausgerechnet Lamar wird zum Erziehungsberechtigten der beiden Waisenkinder und zu einer Führerfigur in der ungleichen Gruppe. Das ist ohne Zweifel eine kleine Verbeugung vor Romeros "Nacht der lebenden Toten", in der in den von Rassenunruhen geprägten USA ausgerechnet ein Afroamerikaner zum Anführer einer Gruppe weißer Überlebender wird.
Man könnte Lamar fast schon als neuen Helden der Ära von Barak Obama betrachten, muss man aber nicht. Deutlicher jedoch ist die Abrechnung Keenes mit der selbstherrlichen, scheinheiligen und patriotischen Arroganz der Ära George W. Bush. Mitch z.B. präsentiert sich als eifriger Bibelverkäufer, stellt aber klar, das er "an das Zeugs nicht glaubt" und auch Waffen oder Pornos verkaufen würde.
"Totes Meer" - ein Abrechnung mit der USA der Ära Bush
Noch extremer ist der Auftritt eines durchgedrehten Pfarrers, der die Zombie-Plage als gerechte Strafe Gottes empfindet, in seiner abgelegenen Waldkapelle Infizierte ans Kreuz schlägt und bei "lebendigem" Leibe verrotten lässt und auch nicht davor zurückschreckt, Lebendige als Opfer darzubringen. Selten wurde jüngst ein krasseres Zerrbild des christlichen Fundamentalismus in den USA karikiert wie in diesem schockierenden Auftritt.
"Totes Meer" ist jedenfalls ein für Horrorfans sehr unterhaltsamer Roman, der ein Schreckensbild entwirft, dass nach den jüngsten realen Katastrophen zwischen religiösen Terroranschlägen, den radikalen Folgen des Klimawandels und der Existenzangst nach der Finanzkrise gar nicht mal so abwegig erscheint wie zuerst vermutet. In dieser Hinsicht ist dieses kleine phantastische Werk näher an der Realität als manch anderer Roman.
Mehr Informationen gibt es auf der englischen Website des Autoren.
Brian Keene: Totes Meer. Heyne Verlag 2010. Broschiert, 383 Seiten. 8,95 Euro.
