
- Simon Kernick - Thriller Todesangst - Heyne Verlag
Man stelle sich vor, man erwacht nach einer ergiebigen Liebesnacht im Bett seiner Traumfrau – nur dass diese tot ist, enthauptet und mit Blut besudelt, so wie man selber. Man ist zu Tode erschrocken und geschockt und kann sich an nichts mehr erinnern. Und der geschrieben Hinweis, sich eine bereit liegende DVD anzusehen, trägt auch nicht gerade zur Aufklärung der Bluttat bei, wenn man sich dabei selber auf dem Video sieht, wie man den grausigen Mord begeht.
"Todesangst" ist der neue Thriller von Simon Kernick, dem Shooting Star der britischen Krimiszene. Wie schon in seinen vorangegangenen Werken "Gnadenlos" und "Deadline" wirft er bereits auf der ersten Seite einen unschuldigen Protagonisten in eine blutige Gewalttat, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Simon Kernicks Thriller - unschuldige Opfer werden zu Gejagten
Ob ein unschuldiger Familienvater, der zufällig am Telefon erfährt, dass Bösewichter zur Jagd auf ihn und seine Familie geblasen haben ("Gnadenlos") oder ein Businessfrau, deren Tochter von brutalen Entführern gekidnappt wird ("Deadline") - die Helden in Kernicks superspannenden Thrillern sind meistens Angehörige der britischen Mittelschicht mit gutem Einkommen und Einfamilienhäusern am idyllischen Londoner Stadtrand, die scheinbar zufällig in einen Strudel aus Tod, Gewalt, Angst und Hetzjagden gezogen werden.
Tyler, so der Unglücksrabe in seinem neuen Werk "Todesangst", ist ein geschiedener, allein stehender Autoverkäufer, der zufrieden und zurückgezogen lebt und in der Vergangenheit Angehöriger der britischen Armeestreitkräfte in Nordirland war.
"Todesangst" - Einzelgänger Tyler gerät in ein tödliches Komplott
Bald erhält Tyler einen Anruf eines Unbekannten, der ihn mit dessen scheinbarer Mordtat erpresst und von ihm fordert, einen Geldkoffer an unbekannte Dunkelmänner zu übergeben. Tyler willigt verzweifelt ein, aber die Geldübergabe geht schief und erfordert mehrere Tote.
Jetzt ist Tyler auf der Flucht vor der Polizei, einer skrupellosen Bande von Balkangangstern und dennoch entschlossen auf der Suche nach dem Motiv und den wahren Mördern seiner Freundin. Dabei trifft er bei einer atemlosen Hetzjagd durch London auf einen ehemaligen Armeekumpel, der ihn als Privatdetektiv unterstützt, eine schlagfertige Prostituierte, brutale Mädchenhändler, einen unheimlichen Auftragskiller und viele Schatten seiner Vergangenheit.
Adrenalinhaltige Action im Psychothriller "Todesangst"
Wie in seinen anderen Werken schafft es Kernick, die Handlung von "Todesangst" ohne große Ruhepausen für den Leser voranzutreiben und gleichzeitig trotz einiger Nebenstränge immer Konstanz, Stringenz und Spannung zu wahren. "Todesangst" ist eine Art literarisches Gegenstück zu modernen Actionfilmen wie "Crank", nur mit einer düsteren, bitteren Atmosphäre aus Gewalt und Angst statt dem schrillen, schwarzen Humor der Actionfilme.
Erstaunlich ist auch das wiederholte Auftreten von Kernicks Polizeiermittler Mike Bolt, der hier aber erst auf Seite 320 auftaucht und nur im Hintergrund agiert, um Tyler zu verhören und schließlich die wahren Machenschaften zu verfolgen. Auch wenn "Severed", so der englische Originaltitel des 2007 in Großbritannien erschienenen Romans, gerne als weiterer Roman der Mike-Bolt-Reihe tituliert wird, so ist dieser Begriff irreführend, denn Kernick hält Bolt auffallend aus der gesamten Handlung heraus und überlässt dem gehetzten BMW-Fachhändler Tyler die Bühne.
"Todesangst" besticht durch konstante Spannung
Daraus resultiert ein neuer Blickwinkel aus der Sicht eines unschuldigen, gejagten Bürgers, der sich selbst organisieren und in jeder tödlichen Szene aufs Neue bewähren muss, während die bewährten Kräfte der Polizei diesmal erst am Ende des Romans ins Spiel kommen.
Die Auflösung ist dann zwar etwas weit hergeholt, aber der perfide Plan der Strippenzieher schockiert dennoch und beschert dem Kriminalroman "Todesangst" ein furioses Finale im malerischen englischen Hinterland.
Der britische Erfolgsautor Simon Kernick
Damit bleibt Simon Kernick seiner Linie treu legt mit diesem spannenden Psychothriller ein weiteres kleines, actiongeladenes Meisterwerk vor, dass seine weltweiten Fans wieder begeistern wird und sich hinter seinen anderen Werken nicht zu verstecken braucht.
Simon Kernick, geboren 1966 in Slough, England, lebt heute in Oxfordshire. Nach seinem Abitur studierte er Geisteswissenschaften an der University of Brighton, begab sich auf ausgedehnte Reisen durch die USA, Kanada und Australien und arbeitete als Straßenbauer, Barmann, Erntehelfer, Lagerarbeiter und Computer-Software-Verkäufer. Seit 2002 erscheinen jährlich neue Romane von ihm darunter die Reihe um den Polizeikommissar Mike Bolt.
Simon Kernick: Todesangst. Heyne Verlag 2010. Broschiert, 400 Seiten. 8,95 Euro.
